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CARTOON

Stephen Andrews
kuratiert von Doina Popescu

 

6. Februar – 7. März 2009
!! geöffnet 6. Feb – 15. Feb, tgl. 11 – 19
nach 15. Feb, Die– Sa, 12 – 18 !!

Vernissage: Freitag, 6. Februar 2009, 18h

English version

 

Interview zwischen Stephen Andrews (Künstler aus Toronto, Kanada) und Doina Popescu (Ryerson Photography Gallery und Research Centre, Ryerson University, Toronto, Kanada)

DP Ihre Arbeiten erschaffen einen reichhaltigen und raffinierten Dialog zwischen Ihren eigenen, äusserst vielschichtigen Arbeitsprozessen einerseits und den emotional aufgeladenen Mustern der Bildproduktion in den meisten gegenwärtigen öffentlichen Medien auf der anderen Seite.

Lassen Sie uns ein wenig über Ihre Arbeit Cartoon sprechen. Indem Sie zunächst den äußert aggressiven Werbespot einer Automarke in ca. 400 vierfarbige, handgezeichnete Bilder, jeden einzelnen Moment des Films in ein einzelnes pixeliges Bild herunterbrechen, um sie danach wieder zusammenzusetzen, scheinen Sie sowohl dessen räumliche als zeitliche Dimension zu verlangsamen. Somit gewähren Sie dem Betrachter die Möglichkeit über eine Bildabfolge zu reflektieren die ihn ansonsten in seiner ungestümen Aggressivität und allgegenwärtigen Gewalt überwältigen würde.
Durch das Motivs des Rehs, welches im Bild zum Kollateralschaden wird und den jungen Mannes im wehrpflichtigen Alter, dessen Rehaugen das Gefühl von Angst erkennen lassen, konfrontieren Sie den Betrachter mit den Widersprüchen einer Gesellschaft, die Gewalt in Cartoons billigt und ihren Nachwuchs auf Schlachtfelder schickt. Das Auto überfährt das vom grellen Scheinwerferlicht gebannte Reh und gleichzeitig den Betrachter, der erkennt, dass er zugleich Fahrer und Opfer darstellt, die beide in einer endlosen Schleife der Vieldeutigkeit des Verlangens und der Freiheit gefangen sind. Auf ähnliche Art und Weise sind die grauenvollen Bilder von Bränden im Krieg und der gefühlslosen Entwürdigung von Menschen in Ihrer Arbeit The Quick and the Dead von Ihnen bearbeitet worden. Mit neuen Perspektiven und Konnotationen angereichert, erreichen sie eine Dauerhaftigkeit, in welcher sie zu einem Teil unseres persönlichen, emotionalen und intellektuellen Gedächtnisses werden. Durch die manuelle Bearbeitung verleihen Sie den fremdproduzierten Bildern eine Dimension von menschlicher Reflexion und tragischer Würde, die ansonsten nicht zu erkennen wären. Inwieweit sehen Sie Ihr Werk als eine Kritik an der zeitgenössischen medialen Praxis und in welchem Zusammenhang bzw. Gegensatz steht dies zur Entwicklung Ihrer künstlerischen Vorgehensweise, die auf eine umfangreiche Palette von vornehmlich traditionellen und manuellen Techniken zurückgreift.


Stephen Andrews | Cell from Cartoon
crayon on mylar | part of animation sequence | 2007

SA Üblicherweise beginne ich meine Arbeit nicht mit einer bestimmten Kritik vor Augen. Meine Intuition ist mein Blindenhund. Ich weiß meist nicht genau auf was ich zusteuere sondern warte darauf es zu erkennen, sobald ich angekommen bin. Mein Ausgangsmaterial ist das Leben und da heute alles medialisiert ist, verwende ich Ausgangsmaterial, dass aus diesem medialisierten Kontext stammt und welches ich aus verschiedenen Quellen selektiere. Aktuelle Geschehnisse und sogar unsere eigenen Erinnerungen strömen durch verschiedene Filter. Ich versuche sowohl die Instrumente aufzuzeigen durch die wir Informationen erhalten als auch die Symbolik an sich und deren Bedeutung. Dies kann durch das Verpixeln oder die Verwendung einer handgefertigten Punkt-Matrix in verschiedenen Materialien geschehen. Sowohl die formale Ausführung als auch die verwendeten Materialien spielt eine große Rolle und geht einen Dialog mit der Bildsymbolik ein. Ich begann 2002 mit dem Einsatz der Punkte-Matrix als ich kaum Berichterstattung in den Printmedien über die politische Situation vorfinden konnte. Es stellte eine Möglichkeit dar diesen Mangel aufzuzeigen. Durch das Durchsuchen der Internetblogs von Soldaten und anderen Internetquellen gelangte ich zu meinem Ausgangsmaterial. Auf gewisse Art und Weise sehe ich das Ganze als eine Art kuratorisches Unterfangen an, in dem ich durch Selektion, Ordnen und Bearbeiten einen Sinn aus den Millionen von zugänglichen Bildern und Videos schaffe.

Dieses Ausgangsmaterial wurde dann in Zeichnungen dargestellt, in welchen ich die von mir erfundene Technik der Farbscheidung unter Verwendung von Fensterfarbe und Kreide anwende, und so den Anschein von Zeitungsphotographien erzeuge.
Das Bildmaterial von Soldaten, die einen jahrhundertealten Kampf zwischen Leben und Tod austragen, darf nicht vergessen werden und muss in ein weniger ephemeres Format übertragen werden.

 

Stephen Andrews | Cell from Cartoon
crayon on mylar | part of animation sequence | 2007

DP Vor vielen Jahren haben Sie Photographie an der Ryerson Universität studiert. Von diesem Ausgangspunkt aus beschäftigten Sie sich mit anderen verwandten Medien. Mich interessiert Ihre Faszination für die Beziehung zwischen Photographie und Bild, Film, Fernsehen und Bildern aus dem Internet. Ihr Werk entwickelte sich von der Verwendung unscharfer Transfertechniken, welche sowohl an die Lithographie als auch das experimentelle Kino erinnern, hin zur bewussten Einbeziehung der Punkt-Matrix des Zeitungsdruck und der Verpixelung von Internetfilmen. Vielleicht können Sie mir die Entwicklung Ihres Werks in Bezug auf diese große mediale Spannbreite noch einmal verdeutlichen. Besonders das Zusammenspiel zwischen Standbild, Film und Video finde ich interessant.

SA Ich erlernte das Vokabular des Fernsehens sehr früh, da ich zu der ersten Generation gehöre, die mit dem Fernsehen aufwuchs und erzogen wurde. Fernsehen prägte mein Weltbild und Verständnis von der Konstruktion verschiedener fiktionaler Realitäten. Ich gehörte immer schon zu jenen, die dieses Medium kommentierten. Mein künstlerischer Ausdruck vollzog sich zum Großteil durch Zeichnungen. Ich begann mich nicht aus eigener Initiative für Computeranimationen zu interessieren, sondern kam damit durch das Angebot in Kontakt, einen kurzen Trickfilm für ein Filmfestival mit der Hilfe von Technikern und großer weiterer Unterstützung zu produzieren. Die Auto-Werbung steht an der Spitze der visuellen Kultur unserer Zeit. Für einen 30-sekündigen Werbefilm wird mehr Geld ausgegeben als für jede andere Fernsehwerbung. In ihm vereinen sich die Widersprüche unserer heutigen Gesellschaft: Der Kampf um Öl, schlechte Stadtplanung, die Umwelt, die Klassengesellschaft und unsere unreflektierte Liebe zum Auto. Cartoon ist meine Antwort darauf. Die Arbeit steht in Verbindung zu The quick and the dead, welches auf Bildern aus dem Krieg basiert. Ich wollte diesen entscheidenden Moment im Leben aufwerten. Für mich ist es die Geschichte von Kain und Abel. Es erinnert uns an den Preis des Krieges. Beide Arbeiten richten sich gegen das nordamerikanische Fernsehen, in dem die Nachrichten zwischen die Werbespots platziert werden.

DP Letztes Jahr nahmen Sie an einer Ausstellung mit dem Titel “Documentary Uncertainty” im Zuge des “Images Festival of Independent Media in Toronto” teil. Der Titel der Ausstellung basiert auf einem gleichnamigen Artikel des Berliner Künstlers und Kulturtheoretikers Hito Steyerl, der darin seine Beunruhigung über die Tatsache äußerte, dass die Realität umso unverständlicher wird, je näher wir ihr kommen. Er nannte dies “uncertainty principle of modern documentarism” und behauptete, dass es für einen reflektierten Umgang gegenüber diesen Bildern mehr Bedarf als diese bloß festzustellen oder offen zu legen. Das bedeutet, dass die Emotionen, die mit dieser Ungewissheit in Verbindung stehen - nämlich Stress, Bloßstellung, Bedrohung und das generelle Gefühl von Verlust und Verwirrtheit - durch etwas anderes ersetzen muss. Sie zeigten in Toronto neben weiteren Werken eine Serie von Portraits mit dem Titel Dramatis Personae, die aus bearbeiteten Internetbildern bestanden, die im Zuge des Irakkrieges an Menschen verübte Gräueltaten darstellten. Einige dieser Photographien waren echt, manche stellten sich nach weiterer Recherche jedoch als Fälschung heraus. Wie ist Ihre Ansicht über die Spannung zwischen der Tendenz, Bilder für bare Münze zu nehmen, sie quasi als unanfechtbare Realität anzusehen, und den emotional erschütternden, jedoch oft mit kritischer Reflexion nicht verständlichen Erfahrungen, die wir durch die heutigen Medien erleben.

 

Stephen Andrews | Cell from Cartoon
crayon on mylar | part of animation sequence | 2007

SA Die Medien sind heutzutage der größte Ideologielieferant. Das war niemals deutlicher als nach 9/11. Dies entfachte die Flammen der Furcht und ermöglichte den großen Betrug, den der Krieg im Irak darstellt, und unterstützte und begünstigte die Restriktionen zahlreicher Rechte und Freiheiten. Was ist Wahrheit oder Lüge? Verschwörungstheoretiker toben sich an dieser Thematik aus. Ich war daran interessiert eine Serie von Portraits über die Bauern in diesem Spiel zu schaffen. Ipso facto, wir. Die Grenze zwischen Abstraktion und Figuration weckt mein Interesse. Ein Photo das mit Hilfe einer Punkt-Matrix bearbeitet wurde, wird umso abstrakter je stärker man es vergrößert. Die Lesbarkeit eines Bildes ist ein Spiel, das ich in meinem Werken nun schon seit Längerem spiele. Die Abstraktion bereitet Schwierigkeiten indem es die Anzahl der möglichen Interpretationen vergrößert.

DP Eines der Themen, die einem in Ihrem Werk immer wieder begegnen, ist das Thema Licht. Ich denke beispielsweise an die bedeutungsschwangeren roten und weißen Blitze oder Leuchtgeschoße am Beginn von Cartoon, das Feuer, dass während der ganzen Länge von The Quick an the Dead präsent ist, Explosionen in vielen Ihrer Kriegsbilder oder auch einfach nur die Reflexion von Licht in einer Pfütze voll Müll.
Ihre Verwendung von Licht ist gleichzeitig märchenhaft und Unheil verheißend mit Tod und Zerstörung verbunden und verweist auf die verschiedenen Medien, die ein wesentliches Moment Ihres eigenen künstlerischen Dialogs ausmachen. Könnten Sie Ihre Faszination für Licht und seine Symbolkraft erörtern?

SA Das Moment der Tragik hat, als ein erzählerisches Mittel, immer den stärksten Einfluss auf die Fantasie. Es ist eine Möglichkeit einen Nutzen in der menschlichen Zwangslage zu erkennen. Licht wurde als Metapher für die wandelbare Natur des Sublimen eingesetzt. Seine schauderhafte Schönheit ist ein Schmelztiegel den man auf irgendeine Art und Weise verändert oder erlöst durchschreitet. Sowohl das Tragische als auch das Sublime enthalten widersprüchliche Aspekte, Licht und Dunkelheit, Freude und Schmerz verstanden durch eine ästhetische Erfahrung. Mein Bestreben bei der Darstellung von Licht ist es, das Nichts zu beschreiben, den Scheitelpunkt zwischen Sein und Nicht-Sein, wenn man so will.

DP Abschließend möchte ich noch kurz auf Ihr neuestes Projekt zu sprechen kommen. Sie arbeiten momentan an großen Ölgemälden für eine öffentliche Kunstinstallation in der Innenstadt Torontos, welche als Mosaik dargestellt werden.
Bitte erklären Sie uns doch die Themen und die künstlerische Form die Ihren aktuellen künstlerische Vorhaben zu Grunde liegen und inwieweit sich diese aus Ihrem bisherigen Werk ableiten.

SA Viele meiner Arbeiten entspringen aus der bequemlichen Sicht eines Lehnstuhls heraus. Ein Blick auf die Welt durch den Fernseher oder das Internet. Sie offenbaren sicherlich genauso viel über den Betrachter wie über die Perspektive an sich. Dennoch möchte ich genauer in meiner eigenen POV werden, so dass die neuen Arbeiten sich um das Thema Heimat und seine Widersprüche drehen. Der Titel des Mosaiks, an dem ich momentan arbeite, lautet “a small part of something larger”, was meiner Meinung nach mein ganzes Projekt sehr gut zusammenfasst. Alles ist nur ein Teil eines größeren Plans.
Vielen Dank für das Interview.

 

In Zusammenarbeit mit und mit freundlicher Unterstützung durch Forum Expanded Berlinale 59 Internationale Filmfestspiele Berlin, Ryerson Photography Gallery und Research Centre, Toronto und Canadian Embassy in Berlin

 

 

Eröffnung
Freitag, 6. Februar 2009, 18h

 

Ausstellungsdauer
6. Februar – 7. März 2009

 

Öffnungszeiten
6. Feb – 15. Feb | tgl. | 11 – 19
nach 15. Feb | Die – Sa | 12 – 18

 

Adresse
WILDE GALLERY
Chausseestrasse 7
D-10115 Berlin
info@wilde-gallery.com
www.wilde-gallery.com

 

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